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Düstere Stimmung an einem Ort, an dem über 2.000 Menschen ums Leben kamen und Rüstungsgüter für die Tötung unzähliger weiterer Menschen in ganz Europa und weltweit produziert wurden. Foto: Hannes Felix Grosch
Düstere Stimmung an einem Ort, an dem über 2.000 Menschen ums Leben kamen und Rüstungsgüter für die Tötung unzähliger weiterer Menschen in ganz Europa und weltweit produziert wurden.

19. Oktober 2020: Den Toten ihren Namen geben - SPD-Kreistagsfraktion vor Ort in der Pulverfabrik Liebenau

Es ist ein düsteres Kapitel der deutschen Geschichte – die Pulverfabrik Liebenau. Bis 1945 wurden hier in über 400 Gebäuden insgesamt 41.000 Tonnen waffenfähiges Material für Hitlers Kriegsmaschinerie produziert.

Es ist ein düsteres Kapitel der deutschen Geschichte – die Pulverfabrik Liebenau.

Auf dem rund 12 km² umfassenden Gelände begann die Firma Wolf & Co. 1938 mit der Planung des Werks für die Pulverfabrikation.

Die SPD-Kreistagsfraktion traf sich jetzt zum Ortstermin mit Martin Guse, dem Geschäftsführer der Dokumentationsstelle Pulverfabrik Liebenau e.V.. Er führte über Teile des Geländes und informierte über die Planungen für die künftige Gedenk- und Bildungsstätte in der ehemaligen Hauptschule Liebenau. Diese Arbeit wird von der Fraktion unterstützt. „Es ist wichtig, dass wir immer wieder daran erinnern, dass auch hier im Landkreis Menschen geschunden wurden um Kriegsmaschinerie herzustellen.“, erläutert die stellvertretende Fraktionsvorsitzende Anja Altmann.

Unfassbar und beklemmend sind die Geschichten über die Menschen in der Liebenauer NS-Kriegsproduktion. Mehr als 80% waren im Jahr 1944 Fremd- und Zwangsarbeiter*innen aus verschiedenen europäischen Nationen. Aus Meldekarteien sind über 11.000 ausländische Frauen, Männer und Kinder namentlich dokumentiert.

Besonders die sowjetischen Kriegsgefangenen, Häftlinge des sogenannten „Arbeitserziehungslagers“ und osteuropäische Zwangsarbeiter*innen, litten unter miserablen Umständen, geringen Verpflegungsrationen, schlecht beheizten Baracken. Über 2.000 Menschen starben an Mangelkrankheiten, Hunger, Misshandlungen aber auch bei Hinrichtungen, durch Erschießen oder durch den Strang.

1999 begannen mit der Gründung des Vereins Dokumentationsstelle Liebenau e.V. historische Recherchen zur NS-Zwangsarbeit, 2002 entstand unter der Leitung von Guse eine Jugend-Arbeitsgemeinschaft, aus der sich der international und integrativ ausgerichtete Jugendaustausch entwickelt hat. Seit mehr als 20 Jahren wird über den Verein Bildungsarbeit geleistet durch Geländeführungen, Vorträge, Lesungen, Workshops und Ausstellungen.

Aber es geht um mehr als geschichtliche Hintergründe. „Grenzen überwinden – Freundschaften aufbauen“: Über das Jugendprojekt wuchs seit 2004 die internationale Jugendarbeit der Dokumentationsstelle auf. Aus Besuchen ehemaliger Zwangsarbeiter/innen – Zeitzeugen – entstanden Patenschaften zu verschiedenen Schulen und freien Jugendgruppen, man besuchte sich zur Projektarbeit in Liebenau und in den Ländern der Partnerorganisationen: Israel, den Niederlanden, Polen und ganz besonders der Ukraine. Das Geschichtsprojekt wurde zur Begegnungsarbeit, zur Friedensarbeit.

Über intensive Recherchen durch die vorhandenen Meldekarteikarten gelingt es immer wieder „Den Toten ihren Namen zurückzugeben“, wie Martin Guse es formuliert. So wurden die anonymen Grabstellen der Zwangsarbeiter auf dem Hesterberg identifiziert, Hinterbliebene erfuhren nach vielen Jahrzehnten über das Schicksal ihrer Familienangehörigen in der Pulverfabrik Liebenau.

Gegenseitige Verständigung und gemeinsames internationales Lernen zeichnen diese inzwischen zahlreichen Begegnungen aus, die mit der geplanten Gedenk- und Bildungsstätte weiteren Aufschwung erhalten werden.

Denn in der ehemaligen Hauptschule Liebenau findet die Dokumentationsstelle ab Januar 2021 nun ein festes Zuhause. Das Gebäude wird dem Verein von der Kommune kostenfrei überlassen. Aus Mitteln der Stiftung niedersächsischer Gedenkstätten, der Kommune Liebenau, des Landkreises Nienburg und regionaler Stiftungen sollen die Räumlichkeiten großzügigen Platz für Vereins- und Bildungsarbeit bieten. So können die Geschichte und die Dokumente der NS-Zwangsarbeit in der Pulverfabrik angemessener präsentiert und einer größeren Öffentlichkeit als bisher zugänglich gemacht werden.

„Wir wollen einen Lernort schaffen, der neben der Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte auch persönliche Begegnungen zu aktualisierbaren Fragestellungen wie Zwangsarbeit, Frieden und Menschenrechtsverletzungen z.B. in mehrtägigen Workshops möglich werden lässt.“, so Martin Guse. Aufgrund der Vereinsgeschichte sei es folgerichtig und notwendig, dass die Jugendgruppen bei Umsetzung und Ausgestaltung der Gedenk- und Bildungsstätte mitwirken.

„Die Arbeit der Dokumentationsstelle verdient unseren Dank und unsere volle Anerkennung. Für Martin Guse ist es eine Herzenssache und das spürt man, wenn man sich mit ihm über die Gedenkarbeit unterhält. Ein paar Stunden hier auf dem Gelände sind nicht ausreichend um das Maß des Schreckens auch nur ansatzweise zu begreifen. Wir kommen gerne wieder und werden die Entstehung der Gedenk- und Bildungsstätte auch weiter begleiten.“, schließt Altmann ab.

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